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Der Berliner Sänger Erik Leuthäuser veröffentlicht nach „Wünschen“ (2018) und „In The Land Of Irene Kral & Alan Broadbent“ (2020) nun ein Album mit den Songs von Kent Carlson, einem aus Los Angeles stammenden Songwriter, der seit 2010 auch dem MDR-Rundfunkchor Leipzig angehört. Es spricht einiges für den Mut und die Kreativität des jungen Sängers, nicht auf Nummer „Sicher“ zu gehen und ein Album mit den Songs des Great American Songbooks zu veröffentlichen, sondern sich mit dem Oeuvre eines weniger bekannten Songwriters zu beschäftigen. Aber wer mit so viel Empathie und eigensinniger Schaffenskraft, mit einzigartigen Arrangements und Ideen bereits Irene Kral und Alan Broadbent aufarbeiten konnte, dem darf man ruhig mehr zutrauen.

„Kent kam als Besucher immer wieder zu meinen Konzerten und wir freundeten uns an … Mich hat es so gefreut, eine weitere queere Person zu treffen, die ein tiefes Verständnis und Wissen über Vocal Jazz und Standards hat. Beides zusammen ist selten. Kent hat mich dann irgendwann mal angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, seine Songs zu singen. Und als ich die Sheets bekam, war ich sofort an Bord.“

Was gleich auffällt, ist die extreme Wandlungsfähigkeit, die Erik mit diesem neuen Album an den Tag legt. Aufgenommen im vergangenen Herbst im Berliner Club A-Trane mit Pianist Wolfgang Köhler, fühlt man sich unweigerlich versetzt in die New Yorker Cabaret-Szene, die bis weit in die 90er Jahre hinein ein riesiger Kosmos aus Clubs, Theatern, kleinen Bühnen und unzähligen wirklich grandiosen, aber fast völlig unbekannt gebliebenen Sängerinnen und Sängern war. Dennoch: der Vergleich mit den erfolgreichsten Künstlern aus dieser Szene ist hier durchaus berechtigt: Blossom Dearie in Danny’s Skylight Room etwa kommt in den Sinn, oder Susannah McCorkle im edlen und prestigeträchtigen Oak Room im Algonquin Hotel.

Doch am meisten fühlt man sich an den genialen Songwriter, Sänger, und Pianisten Dave Frishberg erinnert, dessen Songs von unzähligen Künstlern gecovert wurden, darunter Shirley Horn, die bereits genannte Blossom Dearie, Irene Kral, Rosemary Clooney, oder Anita O’Day.

„Kents song lyrics erinnern mich manchmal an die Direktheit und den Witz eines Dave Frishberg oder Bob Dorough“, ist sich Erik selbst auch bewusst und in der Tat sind Stücke wie „Scuse me! Can I Say Something?“, das dieses Album eröffnet, eine Verbeugung vor der großen Kunst des Bob „Devil May Care“ Dorough. Der Wortwitz und die doppeldeutigen oder ungewöhnlichen Stories in seinen Texten sind immer wieder herausragend. Als typisches Beispiel könnte man hier „The Obsessing-on-my-Baby Blues“ anführen, einem Song, der Blossom Dearie auf den Leib geschrieben zu sein scheint:

„Er erzählt von einer Zeit, in der man die besessene Verrücktheit nach einer Person noch durchaus poetisch als Krankheit bezeichnen konnte, die einem den „Blues“ gibt. Aber gegen jede Art von Depression hilft ja bekanntlich Lachen. Und lachen musste ich zahlreich beim Lernen dieses fast schon absurden Textes.“

Aber auch Balladen kommen in diesem Kontext nicht zu kurz. „You Never Have To Say „I Love You““, eine Hommage an die wunderbare Jo Stafford, zeigt die vulnerable Seite in Erik’s Stimme: seine stilsichere Verletzlichkeit und die Gabe, auch zarte Seiten anzuschlagen, die er vor allem in den höheren Tönen zu einer leicht zerbrechlichen Perfektion zu verinnerlichen scheint, geben dem Album einen weiteren, extra special touch: „Das war der allererste Song von Kent, den ich je gesungen habe. Das Leadsheet fiel aus einem großen Stapel Noten, die Kent mir mitgegeben hatte und als ich es am Klavier spielte und sang, war mir sofort klar, was für ein toller Komponist Kent ist. Alle Songs von Kent haben die Zeitlosigkeit von Jazzstandards gemischt mit tollen authentischen Texten. Bei diesem Song speziell schätze ich sehr die Message: Liebe braucht keine vielen Worte. Love is action!“

Wolfgang Köhler als perfekter Begleiter am Klavier bringt nicht einfach nur die obligatorische Untermalung, sondern kann mit gezielt eingesetzten Nuancen und treffsicheren Spannungsbögen die einzelnen Stories noch stärker pointieren. Sein kurzes, aber genial abgestimmtes Solo in „Didn’t Anybody Ever Tell You“ sind Beweis dafür, daß hier ein Pianist am Werk ist, der nicht einfach nur begleitet, sondern sich die Texte der Songs offensichtlich auch verinnerlicht hat. Die Stücke von Kent Carlson reihen sich mühelos ein in den Kanon der großen Songwriter und es würde nicht verwundern, wenn nach dieser Veröffentlichung auch andere Sängerinnen und Sänger auf sein Schaffen zurückgreifen würden. Mal eher vom Cabaret beeinflusst, mal mehr dem Jazz zugetan („I Just Can’t Say“), dann wieder eher vom Musical beeinflusst („Who Chooses Love“): hier ist definitiv ein kreatives Genie am Werk. Erik überzeugt beim letztgenannten „Who Chooses Love“ einmal mehr durch sein warmes Timbre und einem wunderbar erfrischenden, weil kaum vorhandenen Vibrato, was bei einer so zutiefst melancholischen Ballade auch völlig fehl am Platze wäre. Und überhaupt: Vibrato ist eh überbewertet.

Ausgeglichen geht es weiter im 14 Songs umfassenden Set und da ist sie wieder, diese Leichtigkeit und Heiterkeit, der Esprit und Witz à la Frishberg/Dorough im swinging „What The Banks Don’t Know“. Erfrischend, aber keineswegs üblich ist die Art und Weise, wie Erik die meisten der Songs seinem Publikum vorstellt – auch dies eine Reminiszenz an die Cabaret acts in New York. Und wer könnte besser Geschichten von „sluts“ erzählen, als die beiden queeren musikalischen Zauberkünstler Kent Carlson und Erik Leuthäuser, wie in den beiden letzten Songs dieses wunderbaren Albums, „I Ain’t Got Time For No Virtuous Men“ (mit herrlichem Gershwin-Zitat) und „She’s Been Around The Block“, mit schlüpfrigen Bonmots à la Amanda McBroom oder Ann Hampton Callaway.

Erik Leuthäuser hat mit den Songs des genialen Kent Carlson und der Arbeit mit seinem hervorragenden Pianisten Wolfgang Köhler ein extrem relaxtes und gleichzeitig spannendes Kapitel aufgeschlagen.