„Wenn du in Eile bist, dann gehe langsam.“ – Diese chinesische Weisheit stellt der Schweizer Komponist und Schlagzeuger Gregor Lisser seinem Albumdebüt mit dem Gregor Lisser Double Quartet als Motiv zur Seite. Auf On Eleven, so nennt er dieses Erstlingswerk, erforscht Lisser dann auch in sieben Kompositionen und der Bearbeitung von Colemans Lonely Woman auf so komplexe wie spannungsgeladene und eingängige Weise, wie Entschleunigung musikalisch zum Ausdruck gebracht werden kann. Bereits der Titel On Eleven gibt Hinweise auf die künstlerische Essenz des Albums, bedeutet dieser umgangssprachliche Ausdruck in der deutschen Übersetzung doch soviel wie: „zu Fuß unterwegs sein“. Und in der Tat – die Inspiration für seine sämtlichen Kompositionen erfährt der Schweizer Ausnahmemusiker während langer Spaziergänge in der Natur.

„Geschwindigkeit ist zum Mantra unserer Zeit geworden. Zugleich funkelt in der Langsamkeit eine Faszination, die ihres gleichen sucht.“, so der Künstler. Doch wer nun getragene Monotonie hinter seinen Kompositionen vermutet, der wird schon mit dem hellwachen State Of Mind, dem Opener des Albums, eines Besseren belehrt!

Fast schon ein wenig provokant sieht Lisser sich selbst als „Zeitgestalter am Instrument, der als Schlagzeuger die Zeit in regelmäßige oder unregelmäßige Abschnitte teilt“ – Machtfantasien eines jungen Musikers? Keinesfalls! Sondern Umschreibung einer höchst eindringlichen mentalen – und im Ergebnis musikalischen Auseinandersetzung mit dem Thema Entschleunigung, einer Gelassenheit, die beim intensiven Hören der Musik unweigerlich auf den Hörer übergeht. Jedem der acht Stücke liegt dabei eine prägende Emotionalität oder Affektion wie Liebe, Dankbarkeit, Geisteszustand, Wiedergeburt, Verzweiflung oder auch Trauer zugrunde.

Mit dem Gregor Lisser Double Quartet hat Lisser seiner künstlerischen Vision eine Gestalt gegeben. Schon während seines Studiums an der Hochschule der Künste Bern keimte der Gedanke auf, ein klassisches Streichquartett im Zusammenspiel mit einem Jazzquartett mit Leadtrompete die mannigfaltigen Klangnuancen im Spannungsfeld zwischen Klassik und Jazz ausloten zu lassen. Der besondere Reiz liegt dabei nicht zuletzt im sehr unterschiedlichen Klangvolumen der beiden Klangkörper. Bei Lissers Arrangements verweben sich der fein ziselierte Klang der Streicher mit dem voluminöseren Sound der Rhythmusgruppe und der Trompete zu einem ganz neuen Klanggebilde von höchster Dreidimensionalität. Man hört seinen Kompositionen an, dass er jeden einzelnen Musiker schon während des Arbeitsprozesses klar vor seinem „geistigen Ohr“ hatte – jeder Ton scheint seinen Mitmusikern Dave Blaser (tr), Michael Haudenschild (p), André Pousaz (b), Vincent Milliou (vio), Samuel Jungen (vio), Adrian Häusler (bra) und Raphael Heggendorn (cello) auf den Leib komponiert. Gregor Lisser serviert mit dieser jungen Riege hochkarätiger Musiker aus dem Großraum Bern die perfekte Balance zwischen individueller jazziger Improvisation und klassisch auskomponierten Arrangements.

On Eleven ist Musik, die Weite spürbar werden lässt, die Raum lässt zum Atmen – die gleichermaßen Nahrung bietet für Geist und Seele. Die Zeit vergessen lässt, indem sie Zeit erlebbar macht!