Die Goldberg-Variationen (BWV 988)

Das 21. Jahrhundert erweist sich im Hinblick auf Glaubensfragen als ein schwieriges: Religionen haben sich radikalisiert. Unsere Gesellschaft hat ihren Sinn für Werte verloren, sodass es schwer fällt, überhaupt noch an etwas zu glauben. Tagesaktuelle Idole dagegen stellt man auf ein Podest, nur um sie am folgenden Tag zu stürzen und Platz für ein neues Objekt der Anbetung zu schaffen. In dieser Welt, wo der Glaube auf unsicheren Füßen steht, stolpert man über das Werk Johann Sebastian Bachs – und plötzlich ist da diese Transzendenz: Die Eigenschaften seiner Musik überschreiten Zeit und Grenzen, gehen über Glaubensbekenntnisse und Sprachen hinaus. Ihre Reinheit und Schönheit erheben die Seele in ein Reich des Außergewöhnlichen und führen uns näher an etwas Großes, das nicht von dieser Welt ist.

Geschaffen von einem tiefgläubigen Christen, können Bachs Werke als Verherrlichung jenes Gottes betrachtet werden, auf den er in seinem Glauben leidenschaftlich baute. Interessanterweise sind es seine Kirchenmusik und vor allem die Instrumentalwerke, in denen Hörende von diesem tiefen Glauben am stärksten bewegt werden. Genau das geschieht durch die Goldberg-Variationen. Bach schrieb sie 1741 als vierten und letzten Teil seiner „Clavierübung“. Sie entstanden, scheinbar einfach, als Übungen auf dem zweimanualigen Cembalo und waren „denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung“ gewidmet.

Bach-Biograf Johann Nikolaus Forkel reichert die Genese der „Variationen“ mit einer schönen Geschichte an: Angeblich soll Graf Hermann Carl von Keyserlingk – russische Gesandter am Dresdener Hof des sächsischen Kurfürsten und teilweise verantwortlich für Bachs Berufung dorthin – den Komponisten um Stücke gebeten haben, mit denen der junge Hofcembalo­spieler und hochbegabte Bach-Schüler Johann Gottlieb Goldberg ihn in schlaflosen Nächten unterhalten könne. Im Gegenzug sollte Bach einen Becher mit 100 Luisdor erhalten – einem enormen Betrag, der etwa einem Jahresgehalt entsprach. „Einst äußerte der Graf gegen Bach, daß er gern einige Clavierstücke für seinen Goldberg haben möchte, die so sanften und etwas muntern Charakters wären, daß er dadurch in seinen schlaflosen Nächten ein wenig aufgeheitert werden könnte“, schreibt Forkel. Leider entspricht die Geschichte nicht der Wahrheit. Die „Variationen“ sind zwar fraglos einer hohen Zahl Meisterwerke überlegen, bleiben aber Etüden.

Eine sehr schlichte Aria – eine Sarabande im Dreivierteltakt von gerade einmal 32 Takten – dient als Bezug für 30 Variationen. Die traditionelle Melodie der Bassstimme wird genutzt, um daraus unterschiedliche harmonische Variationen zu entwickeln. Zahlreich sind ihre Analysen. Wikipedia oder oberflächliches Googeln versorgen Neugierige mit wunderbaren Zusammenfassungen zu Struktur und Details jeder einzelnen. Diese Analysen tragen zum Schwindelgefühl bei, das einen erfasst, wenn einem die perfekte Symmetrie dieses Werks klar wird, die Erhabenheit der Konstruktion, das vollendete Gleichgewicht und die wunderbaren Proportionen. Dieser Schwindel ähnelt jenem, der einen überkommt, wenn man in der Natur Fraktale entdeckt, den Goldenen Schnitt oder die Zahl π – man beginnt, darüber nachzudenken, ob ein höheres Wesen das Universum aufgebaut haben könnte.

Angesichts des nahezu göttlichen Werks und Bachs ausdrücklichem Hinweis auf das zweimanualige Cembalo als passendem Instrument zur Interpretation der „Variationen“ stellt sich die Frage: Warum sollte man das Stück für ein Instrument bearbeiten, für das es nicht geschaffen wurde? Die Antwort: Es handelt sich nicht um eine Bearbeitung. Bei der Version, die hier erklingt, fehlt keine einzige Note noch wurde etwas hinzugefügt, und es fehlt kein einziger Gedanke des Komponisten. Einzig die Besetzung ändert sich vom zweimanualigen Cembalo zu zwei Marimbas. Hinzu kommt, dass die Eigenschaft der Marimba, die Stärke des Tons entsprechend der auf die Klangstäbe einwirkenden Kraft zu variieren, ihr größere Ausdrucksmöglichkeiten verleiht als dem Cembalo. Die Flexibilität, Raffinesse, Subtilität und nicht zuletzt die ätherische Qualität des Marimbaklangs erheben uns auf jene spirituelle Ebene, die so sehr Merkmal von Bachs Musik ist. Kleine Wunder geschehen.

Nora Franco Madariaga, 2020
(Übersetzung ins Deutsche: Annette Zerpner)

Katarzyna Myćka

Die Kritik hat der international renommierten Marimba-Virtuosin und Kammermusikerin Katarzyna Myćka den Beinamen „Die mit den Schlägeln tanzt“ verliehen: „Höchste Geläufigkeit“, „perfekte Anschlagstechnik“ und eine „traumhafte rhythmische Präzision“ seien charakteristisch für die Musikerin, die auf ihrer Konzertmarimba mit den 60 schmalen Holzplatten und Resonanzrohren aus Metall bis zu sechs Töne gleichzeitig zum Klingen bringt.

Dem relativ selten zu hörenden Solo-Instrument Marimba attestiert die Fachwelt unter den wirbelnden Schlägeln der Stuttgarterin mit polnischen Wurzeln „außergewöhnlichen Klangfarbenreichtum“ und „eine faszinierend breite Palette musikalischer Wirkungen“. Das Publikum begeistert auch die artistische Anmut und tänzerische Energie ihres Spiels.

Nach einer Klavier- und Schlagzeugausbildung entdeckte die 1972 geborene Künstlerin während des Studiums an den Musikhochschulen Gdansk, Stuttgart und Salzburg die Marimba als ihr „ideales Medium für die musikalische Aussage“. Seit dem Wintersemester 2018/19 lehrt ­Katarzyna Myćka selbst als Professorin an die Musikakademie ihrer Heimatstadt Gdansk (Danzig).

Von Anfang an erhielt die Musikerin zahlreiche Preise und Auszeichnungen bei internationalen Musikwettbewerben: 1995 Sieg und Publikumspreis bei der „International Percussion Competition Luxembourg für Marimba Solo“, ein Jahr später der erste Platz bei der „First World Marimba Competition Stuttgart“. Dann kamen Stipendien und Einladungen zu Meisterkursen in den USA, Asien und Europa. Die Pionierin ihres noch jungen Instruments trat bei den wichtigsten Marimba-Festivals (Osaka 1998, Linz 2004, Minneapolis 2010) auf und ist in Europa, China und Südamerika regelmäßig als Solistin bei renommierten Orchestern zu Gast, darunter die Stuttgarter und Bochumer Philharmoniker, die Polnische Kammerphilharmonie und das RSO Luxemburg.

In ihrer heutigen Gestalt existiert die große Konzertmarimba erst seit Mitte der 1980er Jahre. Katarzyna Myćka, 1999 von der „Polish Percussive Arts Society“ als „Botschafterin der polnischen Schlagzeugkunst“ ausgezeichnet, fördert deren Popularisierung mit Nachdruck. Dazu gehören ihr Engagement für die Ausbildung des Nachwuchs und die Juryteilnahme bei internationalen Wettbewerben, insbesondere aber ihre bereits 2003 gegründete „Internationale Katarzyna Myćka Marimba Akademie“ (IKMMA).

In den vielseitigen Soloprogrammen der Künstlerin erklingen Transkriptionen der Werke Johann Sebastian Bachs oder Sergej Prokofjews, aber auch Originalkompositionen junger Komponistinnen und Komponisten wie Emmanuel Séjourné oder Anna Ignatowicz-Glińska. Auf inzwischen neun CDs hat sie einen Querschnitt ihres Repertoires eingespielt. Der Zusammenarbeit mit Komponistinnen und Komponisten, die den speziellen wunderbaren Klang der Marimba erforschen und verstehen, widmet sie viel Zeit und Enthusiasmus. „Dabei ist musikalische Vertrauen oberstes Gebot“, bilanziert Katarzyna Myćka.

Conrado Moya

Der Marimba-Solist Conrado Moya gehört weltweit zu den maßgeblichen Interpreten seines Instruments. Hervorgehoben wird neben seiner außergewöhnlichen technischen Fähigkeiten und musikalischen Ausdruckskraft auch seine spürbar vollkommene Hingabe an die Musik auf der Bühne.

Er studierte am Konservatorium seiner spanischen Heimatstadt Alicante und wurde zusätzlich von den Marimba-Solisten Sisco Aparici (Valencia) und Katarzyna Myćka (Stuttgart) unterrichtet. Als er seine Ausbildung bei Li Biao an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler fortsetzte, hatte er bereits erste Anerkennung erfahren, etwa in Form des 1. Preises beim Internationalen Marimba-Wettbewerb der Universität Cordoba, des Ehrenpreises der Konzertgesellschaft Alicante und eines Stipendiums von Pro-Música Amadeo L. Sala. Letzteres würdigte seine außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten und seinen hingebungsvollen Einsatz für die Zukunft seines Instruments.

Seitdem tritt Moya weltweit mit Solo-Rezitals sowie als Solist mit Orchestern, Konzertensembles und Chören auf. Er ist regelmäßig bei wichtigen Veranstaltungen der Marimba-Szene zu Gast, darunter die Percussive Arts Society International Convention (PASIC) in Indianapolis, das Guatemala International Marimba Festival, das Chiapas International Festival for Marimba Players, das International Mercedes-Benz Music Festival in Shanghai und die „Fair Saturday“-Solidaritätsbewegung. Als Kammermusiker ist er mit Ensembles wie der Li Biao Percussion Group und dem Marimba Quartett aufgetreten. Das hat ihn in zahlreiche renommierte Konzertsäle Europas, Asiens und Amerikas geführt, darunter die Stuttgarter Liederhalle, das Teatro Colón in Buenos Aires, das Teatro Julio Mario Santo Domingo in Bogotá, die Sala São Paulo in Brasilien, das Oriental Art Center in Shanghai und das National Center for the Performing Arts in Peking.

Conrado Moya steht mit Leidenschaft und Ausdauer hinter der Weiterentwicklung und Popularisierung der Marimba. Daher arbeitet er intensiv mit Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt zusammen, die neues Repertoire für sein Instrument schaffen. Zu ihnen gehören Christos Hatzis, Anna Ignatowicz-Glińska und Arkadiusz Kątny. Sein besonderes Augenmerk gilt seinen Landsleuten Ferran Cruixent, Albert Guinovart, Tomás Marco und Lorenzo Palomo. Er hat sich außerdem der Transkription großer klassischer Werke von Johann Sebastian Bach bis Joaquín Rodrigo und deren Re-Interpretation auf der Marimba gewidmet. Sein erstes Soloalbum trägt den Titel „Silentium“. Im Rahmen internationaler Akademien und Meisterklassen unterrichtet Moya regelmäßig in Spanien, Deutschland, Luxemburg, Kanada, Kolumbien, Mexiko, den Vereinigten Staaten und Japan. Er ist Jurymitglied verschiedener internationaler Wettbewerbe.

Conrado Moya wird von der US-amerikanischen Marimba-Manufaktur ­Marimba One unterstützt, mit der er eine eigene Schlegel-Kollektion entwickelt hat.