Franziska Loos – “Generation Anything” - Back

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Der deutsche Saxophonist Denis Gäbel stammt aus einer musikalischen Familie, und so ist es kein Wunder, dass er seine musikalische Reise schon in jungen Jahren begann. Nachdem er seine ersten musikalischen Schritte mit dem Cello und dem Klavier gemacht hatte, dauerte es nicht lange, bis er schließlich das Saxophon entdeckte. Im Alter von 13 Jahren gewann Denis den ersten Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend jazzt“ und entdeckte in dieser Zeit zum ersten Mal die Musik von Charles Mingus. „Den ersten Kontakt mit der Musik von Mingus hatte ich im Alter von 13 Jahren beim JungendJazzWorkshop NRW. Seitdem bin ich ein leidenschaftlicher Fan seines Werkes. Das erste Mingus-Album, das ich hörte, war sein „Blues and Roots“ und es ist bis heute mein Lieblingsalbum“, erklärt Denis.

Fast 30 Jahre später hat dieses Album mit dem Titel „The Mingus Sessions“, eine Hommage an die Musik von Charles Mingus, endlich das Licht der Welt erblickt. Für das Jahr 2020 hatte Gäbel eine Aufnahme mit seinem deutsch-amerikanischen Quartett für den Deutschlandfunk geplant, doch das Projekt musste aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden. Da die Studiozeit noch zur Verfügung stand, musste Gäbel schnell umdisponieren und entschied sich, die Musik von Charles Mingus zu ehren. Denis erklärte, dass zur Zeit dieser Aufnahmen die Welt unter Verschluss war, Konzerte konnten nicht stattfinden, aber es war dennoch möglich, Aufnahmen zu machen, solange bestimmte Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden. Zum Hintergrund sagt Denis: „Ich hatte die Idee, den Deutschlandfunk-Slot zu nutzen, um ein Album mit der Musik von Charles Mingus aufzunehmen, schließlich wäre Charles Mingus im Jahr 2022 100 Jahre alt geworden. Der Plan war, ein einfaches Saxophontrio mit Robert Landfermann am Kontrabass, Leif Berger am Schlagzeug und mir am Tenorsaxophon zu verwenden. Da es zu dieser Zeit viele Musiker gab, die viel Zeit hatten, lud ich für jedes Stück einen Gast ins Studio ein, mit dem wir einfach über seine Kompositionen jammen konnten, ohne größere Arrangements zu machen.“

Das Album beginnt mit „Orange Was The Color Of Her Dress“, das erstmals 1964 auf dem Album Mingus Plays Piano aufgenommen wurde. Besonderer Gast bei diesem Stück ist der Pianist Simon Seidl, der zusammen mit Gäbel starke Soli über dem rhythmisch komplexen Bett der Rhythmusgruppe beisteuert. Der Trompeter Axel Schlosser schließt sich der Gruppe für Jump Monk“ an. Das Stück beginnt mit einer kollektiven Improvisation, die in das Unisono-Thema hinein- und wieder herausdriftet. Bei diesem Stück zeigen sowohl Schlosser als auch Gäbel ein erstaunliches Maß an Simpatico, während sie sich nahtlos durch die Wechsel bewegen.

Das folgende Stück ist „Fables of Faubus“. Diese Komposition erschien erstmals 1959 auf Mingus‘ Album „Mingus Ah Um“ und ist eines seiner explizit politischsten Werke. Es ist ein direkter Protest gegen den Gouverneur von Arkansas, Orval Faubus, der 1957 die Nationalgarde schickte, um die Integration von neun afroamerikanischen Teenagern in die Little Rock Central High School zu verhindern, was als Little Rock Crisis bekannt wurde. Dieser Track, der das „Jazz March“-Feeling der Originalaufnahme beibehält, groovt von Anfang bis Ende. Der Gast auf diesem Stück ist Loren Stillman am Altsaxophon, der zusammen mit Gäbel beachtliche Soli liefert. Besonders hervorzuheben ist hier das Bass-Solo von Landfermann am Kontrabass.

Eines der interessantesten Stücke des Albums ist vielleicht der „Work Song“ der Gruppe. Bei diesem Stück fügt Gäbel einen zweiten Kontrabass, gespielt von Christian Ramond, hinzu. Zusammen mit Robert Landfermann fügen sich die beiden Bässe nahtlos ein und schaffen eine eindringliche Polyphonie, auf der sich Gäbel ausbreiten kann. Ebenfalls aus dem „Mingus Ah Um“-Album stammt „Open Letter to Duke“, bei dem Gitarrist Norbert Scholly einen echten Uptempo-Swinger spielt, der sich durch eine Reihe von Gefühlen und Tempi bewegt. Die Sängerin Laura Totenhagen ist der Gast auf „Eclipse“. Es besteht kein Zweifel daran, dass Mingus das Herz eines Poeten hatte, und seine Worte sind ergreifend und reich an Symbolen. In „Eclipse“ verwendet er metaphorisch die Sonne und den Mond, um die Liebe zwischen Rassen und den öffentlichen Widerstand zu beschreiben, den er und andere in dieser Zeit erlebten. Totenhagens Gesangsdarbietung in diesem Stück kanalisiert diese Metapher mit großer Sensibilität und bildet zusammen mit Landfermanns Bassbeitrag eine der bewegendsten Stellen des Albums.

Es folgt „Prayer For Passive Resistance“ mit Hendrik Soll am Schlagzeug, bevor es weitergeht mit „Remember Rockefeller at Attica“ mit dem Posaunisten Shannon Barnett. Axel Schlosser kehrt für „My Jelly Roll Soul“ zurück, das an ein Second-Line-Feeling grenzt und bei dem Schlosser einen Becherdämpfer gut einsetzt. Den Abschluss des Albums bildet eine von Mingus‘ bekanntesten Kompositionen, „Goodbye Pork Pie Hat“. Mit dem Tenorsaxophonisten Sebastian Gille liefern sowohl er als auch Gäbel eine umwerfende Leistung bei dieser eindringlichen Melodie, die den perfekten Abschluss für dieses wunderbare Album bildet.

Mit den Mingus Sessions zeigt Denis Gäbel, dass er nicht nur ein Musiker auf höchstem Niveau ist, sondern auch die Fähigkeit besitzt, eine großartige Besetzung zusammenzustellen, um diese Geschichte der Musik von Charles Mingus zu erzählen. Die Darbietungen sind spontan und fangen den Zeitgeist der klassischen Mingus-Aufnahmen ein, während sie gleichzeitig nach vorne schauen.

Andrew Read